Vier Extrempunkte. Zwei Linien. Noch nicht vollendet.

Manche Dinge im Leben schreien nach Vollendung.
Vor fast einem Jahr bin ich am Ellenbogen auf Sylt auf mein Fahrrad gestiegen. Vor mir lagen mehr als 1.200 Kilometer bis zum Haldenwanger Eck. Ich hatte Respekt vor dieser Reise. Ich wusste nicht, ob mein Körper mich tragen würde. Und ich wusste noch viel weniger, was diese Reise mit mir machen würde.
Heute weiß ich zumindest, was es bedeutet, Deutschland mit dem Fahrrad zu durchqueren.
Und trotzdem fahre ich wieder los.
Diesmal vom westlichsten Punkt Deutschlands im Selfkant bis zum östlichsten Punkt an der Neiße.
Nicht, um mir zu beweisen, dass ich es kann.
Die erste Linie verlief von Nord nach Süd. Jetzt kommt die zweite hinzu. Sie verbindet West und Ost: das Rheinische Revier mit dem Ruhrgebiet, Westfalen mit dem Harz, die alte Bundesrepublik mit der ehemaligen DDR, Wittenberg mit der Lausitz und schließlich den Selfkant mit der Neiße.
Sieben Tage. Rund 850 Kilometer.
Und Einbeck ziemlich genau in der Mitte.
Die Monate seit meiner ersten Reise waren intensiv. Beruflich trage ich Verantwortung für ein Unternehmen in einer entscheidenden Entwicklungsphase; privat hat ein Brand unser Zuhause für längere Zeit unbewohnbar gemacht. Vieles, was selbstverständlich und stabil erschien, war plötzlich in Bewegung.

Vielleicht ist gerade deshalb meine Sehnsucht nach dieser Reise diesmal so groß.
Nach Reduktion.
Nach einer Woche, in der nicht alles gleichzeitig Aufmerksamkeit verlangt.
Nach Natur, Luft, Landschaft und körperlicher Anstrengung. Nach dem Gefühl, morgens nicht darüber nachdenken zu müssen, welche zehn Dinge heute gelöst werden müssen, sondern darüber, wohin ich fahre.
Aufstehen. Packen. Fahren. Essen. Schauen. Atmen. Ankommen. Schlafen.
Einfach ich.
Dabei hatte ich mir das ursprünglich anders vorgestellt.
Am Forggensee, unmittelbar nach meiner ersten Deutschlandquerung, hatte ich laut ausgesprochen:
„Die nächste Tour wird von Ost nach West gehen. Und diesmal fahre ich nicht allein.“
Es ist anders gekommen.
Die Richtung hat sich gedreht. Aus Ost–West wurde West–Ost. Und auch den zweiten Teil dieses Satzes wird die Wirklichkeit nicht erfüllen.
Ich fahre wieder allein.
Aber darin liegt diesmal etwas fundamental anderes als vor einem Jahr.
Damals war das Alleinfahren Teil des Wagnisses. Heute ist es eine bewusste Entscheidung.
Die Umstände haben zunächst dazu geführt, dass aus der gemeinsam gedachten Reise wieder eine Reise allein wurde. Ich hätte versuchen können, daran noch etwas zu ändern. Inzwischen möchte ich das nicht mehr.
Ich möchte diese sieben Tage für mich.
Nicht aus Abgrenzung. Nicht als Flucht vor anderen Menschen. Und auch nicht, weil Gemeinschaft weniger wert wäre.
Sondern weil ich mich nach einer Form von Freiheit sehne, die im Alltag selten geworden ist: morgens aufzustehen und für diesen Tag nur mir selbst, meinem Körper, dem Wetter und der Strecke verantwortlich zu sein.
Anhalten, wenn ich anhalten möchte. Weiterfahren, wenn ich weiterfahren möchte. Einen Umweg nehmen. Irgendwo sitzen bleiben. Mit jemandem ins Gespräch kommen. Oder stundenlang mit niemandem sprechen.
Vielleicht ist Alleinsein deshalb nicht dasselbe wie Einsamkeit.
Manchmal ist Alleinsein die radikalste Form von Zeit für sich selbst.
Und vielleicht passt auch das zur Kugel in der Schüssel: Nicht jede Bewegung muss geteilt werden. Manche Wege muss man nicht allein gehen – aber man darf.
Diese zweite Linie möchte ich jetzt allein ziehen. Ganz bewusst.
Im Prolog meines Buches von The Marble in the Dish habe ich über meine erste Reise geschrieben:
„Momentum ist eine Frage der Haltung.“
Diesen Satz würde ich heute noch genauso unterschreiben.
Aber inzwischen ist eine weitere Frage hinzugekommen:
Wer verlangt eigentlich, dass die Kugel immer rollen muss?
Eine Kugel kommt in jeder realen Schüssel irgendwann zur Ruhe.
Das ist kein Versagen.
Es ist schlicht Physik.
Vielleicht haben wir uns zu sehr daran gewöhnt, Bewegung mit Fortschritt und Ruhe mit Stillstand zu verwechseln. Immer weiter. Immer schneller. Der nächste Impuls. Das nächste Ziel. Die nächste Transformation.
Vielleicht besteht Souveränität aber gerade darin, unterscheiden zu können:
Wann soll die Kugel rollen?
Wann darf sie ruhen?
Und liegt sie überhaupt noch in der richtigen Schüssel?
Nach meiner ersten Reise habe ich einen weiteren Satz geschrieben:
„Es ist das, was bleibt, wenn die Geschwindigkeit weg ist. Die Entscheidung, nicht innerlich stehenzubleiben.“
Vielleicht werde ich diesen Satz nach dieser Reise wieder anders lesen.
Denn wo Wissenschaften sich verweben, entsteht ein Klang der Erkenntnis, den kein Fach allein singen kann.
Physik kennt Bewegung und Ruhe. Musik kennt Spannung und Auflösung – aber eben auch die Pause. Und das Leben kennt Zeiten, in denen wir antreiben müssen, und andere, in denen wir vielleicht gerade dadurch weiterkommen, dass wir aufhören, permanent anzutreiben.
Ich weiß heute noch nicht, was diese zweite Reise mir darüber erzählen wird.
Und das ist gut so.
Morgen ist jedenfalls Bewegung richtig.
Das Rad ist vorbereitet. Die Route steht. Die Taschen werden gepackt. Und für meinen Drahtesel wird es vermutlich seine letzte große Reise.

Dann geht es los.
Vom Selfkant nach Dortmund. Weiter über Soest und Lippstadt nach Paderborn. Nach Einbeck. Über die ehemalige innerdeutsche Grenze nach Halberstadt. Weiter nach Lutherstadt Wittenberg. Durch die Lausitz über Kostebrau – und schließlich bis an die Neiße.
An der ehemaligen innerdeutschen Grenze werde ich anhalten.
Ganz bewusst.
Denn wir schätzen vermutlich viel zu wenig, was es bedeutet, dass ich heute einfach auf einem Fahrrad sitzen und diese Grenze überqueren kann.
Keine Kontrolle. Kein Schlagbaum. Kein Visum. Keine Frage danach, warum ich von der einen Seite auf die andere möchte.
Ich werde einfach weiterfahren können.
Was heute vollkommen selbstverständlich erscheint, war für Millionen Menschen in diesem Land über Jahrzehnte alles andere als selbstverständlich. Diese Grenze trennte nicht nur zwei Staaten. Sie trennte Städte und Dörfer, Straßen und Bahnlinien, Landschaften, Freunde und Familien.
Heute ist sie an vielen Stellen kaum noch zu erkennen.
Und vielleicht liegt genau darin eine Gefahr: Dass aus einem großen historischen Glück irgendwann eine scheinbare Selbstverständlichkeit wird.
Es ist nicht selbstverständlich.
Es ist ein Privileg, heute in einem freien und vereinten Deutschland einfach von West nach Ost fahren zu können und ja, auch in diesem freien Land zu leben – ein Blick in die Nachrichten genügt, um das zu verstehen. Vielleicht muss man manchmal nur an einer Stelle anhalten, an der früher Schluss gewesen wäre, um sich daran wieder zu erinnern.
Und dann werde ich weiterfahren.
Irgendwann, einige hundert Kilometer später, werde ich am östlichsten Punkt Deutschlands stehen.
Dann habe ich nach Nord und Süd auch West und Ost miteinander verbunden.
Vier Extrempunkte.
Zwei Linien.
Noch nicht vollendet.
Denn Nordwest–Südost und Nordost–Südwest stehen noch aus.
Machen Dinge im Leben schreien eben nach Vollendung.
Ein paar Fakten zur zweiten Linie
- Start: 12. August 2026 – westlichster Punkt Deutschlands im Selfkant
- Ziel: östlichster Punkt Deutschlands an der Neiße
- Geplante Distanz: ca. 850 km
- Geplante Fahrzeit: 7 Tage
- Bundesländer: 5 – Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Sachsen
- Etappen: Selfkant → Dortmund → Paderborn → Einbeck → Halberstadt → Lutherstadt Wittenberg → Kostebrau/Lauchhammer → Neiße
- Extrempunkte Deutschlands danach mit dem Fahrrad erreicht: 4 von 4
- Deutschlandquerungen: 2
- Noch fehlende diagonale Verbindungen: 2
- Ehemalige innerdeutsche Grenze: 1-mal überqueren – und dort ganz bewusst anhalten
- Radumdrehungen: bei rund 850 km und einem angenommenen Radumfang von 2,234 m etwa 380.000
- Kalorien: vermutlich wieder eine fünfstellige Zahl, die ich unterwegs gewissenhaft durch Essen zu kompensieren versuchen werde
- Insekten, die mir ins Gesicht fliegen werden: wissenschaftlich weiterhin nicht seriös prognostizierbar
- Gedanken, die ich haben werde: vermutlich wieder mindestens so viele wie Insekten
- Meetings: möglichst 0
- PowerPoint-Folien: 0
- Probleme, die ich unterwegs lösen möchte: möglichst nur solche, die mit Fahrrad, Wetter oder der Frage nach dem nächsten Essen zu tun haben
- Menschen, denen ich begegnen werde: keine Ahnung – und gerade darauf freue ich mich
- Was ich auf dieser Reise finden möchte: nichts Bestimmtes
- Was diese Reise mit mir machen wird: weiß ich noch nicht
Vor fast einem Jahr schrieb ich:
„Ich wusste an diesem Morgen am Ellenbogen noch nicht, dass diese Reise mir mehr zeigen würde als eine Linie auf der Landkarte.“
Heute, einen Tag vor der zweiten Linie, weiß ich es wieder nicht.
Diesmal möchte ich es auch gar nicht vorher wissen.
Morgen rolle ich los.
Nicht jede Bewegung braucht einen Grund, schneller zu werden.
Manchmal braucht sie einfach die richtige Richtung.
Ich freue mich darauf, wenn Ihr mich wieder begleitet!